Amerika

(Roman), Aus der Reihe: «Goldmanns Taschenbücher»

Wenn ich nur reich wäre... (Raul)

Raul in einer nicht weiter interessanten Kneipe.

Die Augen geschlossen, ein paar Sekunden. Nicht denken, wie gut.

Gott, war das gut, doch dann kam es zurück, das Denken. Was tue ich hier, dachte Raul. Seine Hände hielten sich an einem halben Rind, sein Glied steckte in einer Dame unbekannten Ursprungs. Wie sie hieß oder was ihre Hobbys waren, keine Ahnung, sie war nur gut für ein paar Sekunden Vergessen, vergiß es.

Raul zog sich aus der schwarzen Frau, überprüfte, ob sein Glied noch vorhanden, war es und sah ihn erstaunt an. Die Frau. Ist es nicht schön für dich, fragte sie, und Raul sagte, doch, doch, total schön, aber ich muß dann mal los. Er dachte mit kurzem Bedauern an seine Spermien, die einzigen Freunde, die er hatte, denen er Namen gegeben, Haruki Murakami, Wong Kar-Wai, Dürrenmatt, springlebendige Kerle, die nun verschleudert waren für ein paar Sekunden Ohnmacht, allein gelassen in der Fremde, für ein kurzes Sich-Ver-lieren, Verschwimmen. Endlich mal nicht mehr sein, keine Verantwortung für jede verdammte Handlung, für das Scheitern nicht zuständig. Dieses Sich-Auflösen funktionierte nur beim Akt oder beim Trinken, wobei beim Trinken eine Grund-Ubelkeit bestehen blieb, die die völlige Freiheit des Geistes verhinderte. Etwas war da, das Raul auch im gröbsten Suff auslachte: Bald wirst du wieder nüchtern sein und nichts als ein nüchterner Verlierer, lachte.

Raul zog sich die Hose hoch und ging. Die Frau lehnte benommen am Rind, sah in dessen erloschene Augen, dachte kurz, wie das Rind mit seinen kleinen Tatzen über Weiden gesprungen sein mochte, fragte sich, ob es bereits halbiert war, als es sprang, beide Hälften sich endlich gefunden hätten, und ob dann der Rinderfänger gekommen sei, die beiden grad wieder getrennt hat, das Leben ist ungerecht, dachte sie. Sie war nicht traurig, fühlte sich nicht benutzt. Sie war nur überwältigt, denn für eine Sekunde schien ihr, sei ein Gott über sie gekommen, oder ein Heiliger, eben wer, der gar nicht existiert, und nun schon wieder weg. Aber das sind wohl die Spielregeln von Heiligen, sie zeigen sich kurz, berühren, verändern das Leben der Menschen und verschwinden eilig. Für einige Zeit würde sie alle anderen Herren, denen sie begegnete, mit der unnatürlichen Schönheit des Mannes eben vergleichen, und jeder konnte nur verlieren dabei. Nie wäre der Frau, die Maria hieß, eingefallen, mit einem Fremden in den Kühlraum zum Geschlechtsverkehr zu verschwinden, aber mit einem Gott war das eine andere Geschichte. Wie unter Drogen war sie ihm gefolgt, hypnotisiert ihm hinterher, nur um seinem Körper nahe zu sein, und mußte nun zurück in die Küche, in die Normalität. Sie würde sich schütteln, den Kopf auch, und vielleicht noch einige Nächte von der weichen Haut, dem weichen Geruch des Fremden träumen, und dann aber gut.

Maria.

Ich kann nicht sagen, wie es passiert ist. Ich kannte so eine Situation bisher nicht. Er kam herein, stand an der Theke und sah mich an, also, der Blick ging mir bis in die Beine, die wurden ganz müde, und ich konnte nicht wegschauen, sondern nur noch stehen, ihn anstarren, und als er mich in die Kühlkammer winkte, lief ich hinterher, als ob ich gar nicht mehr da wäre. Ich habe mich auch nicht geschämt, gar nicht. Wissen Sie, ich hatte das Gefühl, ich müßte ihn einfach mal berühren. Vom Geschlechtsverkehr weiß ich nichts mehr, ich habe nichts gefühlt, also, nicht daß es schlecht war oder sein Glied zu klein, ich konnte mich nur nicht darauf konzentrieren, was unten los war, denn ich mußte ihn anstarren. So einen Menschen habe ich noch nie gesehen. Es war für einen Moment, als ginge der Traum in Erfüllung, den ich manchmal habe, wenn ich in der Küche stehe, also da denke ich, eines Tages wird die Tür aufgehen, es wird ganz hell, Vögel singen, Volkslieder, und ein Mann wird kommen, mich an der Hand nehmen und von hier wegbringen. Ich dachte einfach, mein Traum ginge in Erfüllung, und der Mann eben würde mich in ein tolles Leben mitnehmen, ja, so war es. Nun ist er gegangen. Träume sind halt Träume. Ich muß jetzt weitermachen.

Raul auf der Straße.

Auf der Straße lehnte Raul an einem Laternenpfahl. Er sah ihn an. Du verstehst mich, alter Junge, wahre Liebe gibt es nur unter Männern, sagte Raul. Der Laternenpfahl antwortete: Ich muß dich enttäuschen. Die wirkliche Liebe existiert nur unter Laternenpfählen.

Raul fragte sich, was war das jetzt wieder, diese kurzen Begegnungen, schnelle Ficks, warum tue ich so einen Mist? Was will ich mir beweisen?



Leseprobe downloaden<br<br>