Das Unerfreuliche zuerst
(Roman), Kiepenheuer & Witsch
Ruhe
Nicht dass ich es besonders originell gefunden hätte, im Regen zu laufen. Ich wusste nur nicht wohin. Es war ein Sonntag gewesen und es war Sommer. Aber kalt. Kalt und feucht und dann fing es zu regnen an, auf den Strassen niemand, in den Häusern vermutlich auch nicht. Ich weiß kaum mehr, ob ich dachte, damals, dass Sonntage besser zu ertragen seien, wenn man nicht alleine wäre. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mit einer Frau oder irgendwem im Bett läge, den Regen schauend. Und ich dachte damals, jeder, den ich mir vorstellen könnte, im Bett neben mir, würde an einem Sonntag dieses Gefühl, eigentlich schon gestorben zu sein, nicht von mir nehmen können. Ich ging also raus, ohne Schirm. Nicht weil ich etwas spüren wollte oder weil es ein schönes Bild gewesen wäre, so nass wie ein Hund zu laufen. Ich hatte eben keinen Schirm. Neben meiner Wohnung hielt sich ein Park auf und der Regen wurde stärker. Es war kein schöner, weicher Sommerregen, sondern ein kalter, spitzer, ein Winterregen in Polen. Und nach ein paar Minuten wurde aus dem Regen etwas, das mir das Gefühl machte, in ein Meer geraten zu sein. In ein polnisches. Da war ein Pavillon in diesem Park, eine steinerne Abscheulichkeit, vermutlich von einem kichernden, infamen schwulen Pudel de-signt, so sah das Ding aus, dort hockte ich mich auf den Boden, sah ins Meer hinaus und langweilte mich in der Wiederholung meiner Gedanken, die waren wie der Tag. Als meine Augen nicht mehr wussten, was sie meinem Hirn erzählen sollten, kam aus dem Wasser eine Gestalt gerannt, es war ein Mädchen oder so etwas, ich weiß es nicht mehr, es ist zu lange her, weiß nur, dass ich ihr Gesicht sah, das verschwamm, oder meine Augen schwammen, es war alles so feucht und es war dieser Moment.
Ich erkannte, dass das Mädchen für mich war. Ich sah durch ihre Augen, deren Farbe nicht wichtig war, sie waren wohl golden, ich sah bis ganz hinunter und wusste.
Dieser Mensch war für mich, es war mein Mensch, wir saßen auf dem Fußboden, im Regen, und sahen uns an. Ich sie, sie mich, ich sah, wie mein Leben wäre mit ihr, im Bett liegen sah ich uns, an verregneten Sonntagen, sah uns lachen, uns tragen, sah uns alt werden und wusste, es würde nur die eine geben.
Vielleicht weil es immer nur eine gibt. Und ich dachte, sie wusste es auch, und wenn der Regen aufhören würde, gingen wir einfach zusammen weg. Der Regen wurde langsamer. Wenn sie nun gehen würde, dachte ich, dann würde ich sterben. Sah sie an und wartete. Auf einen Satz, ein Wort, ein Lachen, etwas, dass ich ihr sagen könnte, dass nun alles gut sei.
Doch sie sagte nichts.
Sah mich nur an.
Und der Regen hörte auf. Nach Stunden oder Jahren hörte er auf, der Regen, und das Mädchen, vielleicht war es auch eine Frau, ich weiß es nicht mehr zu sagen, blieb am Boden sitzen, sah mich an und ich sie, sie sagte nichts und ich hätte doch nichts zu sagen gewusst.
So stand sie auf, langsam, wie der Regen geendet hatte, blieb noch stehen, prüfte mit beiden Händen, einer nach der anderen, langsam, ob es wirklich trocken sei, es war, sah mich an und ich sie, dann ging sie.
Ich blieb am Boden sitzen.
Ganz kalt war mir, ich konnte mich nicht bewegen, denn dort lief sie, langsam den Parkweg, den feuchten, entlang und mit ihr alles.
Sie drehte sich noch einmal um, ich wollte laufen, zu ihr, doch konnte ich mich nicht bewegen, hätte auch jetzt das Wort nicht gewusst.
Als die Nacht schon lange gekommen war, ging ich heim.
Es ist mir, als wären die zehn Jahre, die der Sonntag zurückliegt, zu einem Tag zusammengeflossen, der aus lauer Luft und Leere bestand.
Bis ich sie wieder traf. Vor kurzem, und sie sah aus, als wäre nur ein Tag vergangen.
Sie hatte ein Kind an der Seite, ein recht großes Kind, stand hinter mir oder neben mir, ich glaube in einem Ladendes ist egal. Und sprach mich an. Wie geht es dir, sagte sie, ich sagte, warum hast du mich nicht angesprochen damals, ich glaube, es würde mir heute besser gehen.
Sie sagte, mir ist doch kein guter Satz eingefallen.
Dann ging sie, mit dem Kind, dem großen, an ihrer Seite, und umgedreht hat sie sich nicht, neulich, als ich sie wieder traf.
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