Gold
(Roman), Neuausgabe Kiwi-Verlag
Liebe. Danach
Ist doch egal. Oder?
Eine helle Nacht. Zu hell zum Schlafen. Der Mond direkt vor dem Fenster, zu hell im Gesicht, im Zimmer, macht, daß die Möbel blau aussehen, als ob sie lebten, die Möbel, sie werfen lange Schatten. Der Kleiderständer, wie ein Mörder im Raum, und du kannst nicht schlafen, setzt dich auf im Bett und siehst neben dich. Da liegt er, liegt sie, egal was, es liegt da und ist deine Liebe, dein Leben. Hast du gedacht. Und du schaust es an, wie einen dir unbekannten Schaffner, wie ein Insekt, studierst, wie es Speichel läßt, auf dein Kissen, wie es Geräusche macht, wie ein häßliches, aber typisches Schnorcheltier, und du siehst es an, und du merkst in jener Verschissen hellen Nacht, daß deine Liebe gestorben ist. Und kannst es gar nicht glauben. Wühlst in deinem Herzen, da muß sie doch irgendwo sein, verdammt, ich hatte sie doch hier hingelegt, du hast geglaubt, sie wäre da, für immer, hast geweint vor Glück, hättest es nächtelang anschauen können, das Geliebte, und weinen, weinen, vor Glück, es gefunden zu haben und nie mehr allein. Und nun liegt da ein fremdes Insekt, und du fühlst nichts, denkst daran, das Kissen zu wechseln, morgen, und wieder ein Traum gestorben. Ist ja nur ein Traum. Du wirfst dir ein Mäntelchen über und gehst in die Nacht, die helle, läufst unter fremden Bäumen herum, und dein Kopf kann es noch gar nicht begreifen. Dort habt ihr euch geküßt, auf der Bank gesessen, ineinander verschlungen, euch gestreichelt, bis der Morgen kam, und nun ist alles vorbei. So leer bist du, wie taub. Die Füße zu heben, so eine Kraft, die hast du nicht. Und du denkst an dein Leben, ohne ihn oder sie. Ab morgen. Und wird es wirklich so schlimm sein?
Du wirst zu deiner Arbeit gehen, es ist eine gute Arbeit, Selbstverwirklichung oder auch nicht, es ist egal, sie ist gut bezahlt, die Arbeit. Und du wirst dein Geld nehmen und wirst Dinge kaufen. Gute Marken, ist klar, was ist gerade in, ist doch nicht wichtig, ob die Röcke lang sind oder kurz, wichtig ist zu kaufen, und das kannst du, denn du verdienst ja genug mit deinem Beruf. Du wirst wegfahren, ja, Mann, wegfahren. Kalt wird es draußen, wo wollen wir denn mal hin? Nicht schon wieder Amerika, laß mal. Asien, warst du gerade, vielleicht eine Schönheitsfarm, Fitneßfarm, die Betty-Ford-Klinik oder ein neues Gesicht. Oder mal wieder umziehen, das Viertel kennst du, die Stadt kennst du, hast richtig Lust auf neue Leute. Au ja, neue Leute kennenlernen, die spannende Berufe haben, eine neue Stadt, das ist eine gute Idee, Aufregung für ein halbes Jahr, sich als Tourist fühlen. Nach Rom gehen oder Frankreich oder doch nach Amerika. Ist doch egal, Hauptsache, was Neues.
Oder eine neue Sportart lernen. Dein Mountainbike ist im Keller, die Rollerblades liegen daneben, und Joggen ist wirklich langweilig, aber Sport ist gut. Zeitschriften kaufen, schön gestaltete Seiten mit Geschichten darauf, lässig erzählt, in denen es um nichts geht. Dazu Musik hören, viel Musik. Egal welche, niemanden regt mehr irgendwelche Musik auf, es ist gleich, welche Musik, es ist gleich, welcher Film, nichts regt mehr jemanden auf, alles ist austauschbar, na und?
Bald ist ein neues Jahrtausend, und das Schlimmste wird sein, daß die Welt nicht untergeht. Daß alles genauso bleibt wie jetzt, das ist das Schlimmste, daß alles so egal ist, keiner mehr etwas fühlt, weil das Herz, das Gefühl so voll sind, so zugepappt sind, so satt, vollgefressen, und Herzen können nicht kotzen. Ein Krieg irgendwo, 100000 Flüchtlinge ins Land. Ist doch okay, ist mal was los. Und eine neue Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, da passiert was, Liebe, ja bitte, Hormone sind wie Drogen, und du kannst vergessen, für kürzer oder länger, daß alles so egal ist, daß du nichts mehr fühlst und der nagende Schmerz in dir nur Mitleid mit dir selber ist, nur eine Langeweile ist, dein Wissen, daß nichts dich beleben kann, dich munter machen kann, daß du nicht an Gefühle glaubst, weil du keine hast. Außer Langeweile und der Angst, daß noch nicht mal die Welt untergeht, in zwei Jahren. Daß ein Neuer kommt, eine Neue, und es so egal ist, weil sie oder er genau so satt ist wie du, ihr euch nur im Drogenrausch der Hormone treffen werdet und dann wieder verlieren, wie zwei Flugobjekte im Himmel, die sich noch nicht mal mehr streifen. Und die Nacht ist hell, zu hell für deine Erbärmlichkeit, du gehst wieder in deine Wohnung, hängst den Mantel an den Garderobenständer, der noch nicht mal ein Mörder ist, legst dich neben ihn oder sie, denkst an morgen, an die Tränen, die du vergießen wirst im Schmerz, weil doch wieder eine Illusion gestorben ist, die dann die Zahnbürste einpackt, die Tür schließt, und du weißt schon, wie du danach lüften wirst und staubsaugen und Musik hören, und welche, ist doch egal.
aus: ZEITmagazin
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