Ende gut
(Roman), Aus der Reihe: «rororo Taschenbücher»
1 Wir lernen den Helden des Buches kennen. Die eine Heldin ist Auch falsch. Helden sind irgendwie anders.
Ich bin so um die 40. Das sagt man heute auf Partys, zu denen einen keiner einlädt, noch nicht mal zu verdammten Steh-Partys oder EVENT-MANAGER-GEBURTSTAGEN lädt einen EINE SAU EIN, und wenn doch, wäre da sicher ein dicker Mann mit Schweiß, der fragte: Na, wie alt sind wir denn? Und statt ihm mit einem Bauchschuß zu antworten, daß seine Scheißgedärme auf den Boden klatschen und gegen den Cindy-Sherman-Original-Abzug mit Numerierung, sagt man, den Kopf zu Boden geneigt: Ich bin so um die 40. Ich bin 176 Zentimeter groß, ich wiege 56 Kilogramm, ich habe irgendwelche Haare, meine Augen sind blau, aber nicht sehr, und meine Haut wird immer weicher oder das Fleisch darunter, das kann ich nie auseinanderhalten. Ich wohne in einer deutschen Stadt, die wirkt, als wäre sie komplett besoffen. Ich mache fast alles für Geld, und nichts davon interessiert mich. Ich habe mich für kaum etwas bewußt entschieden, ich habe es passieren lassen, das Leben. Wenn man ißt, schläft, keine Drogen nimmt, sich sauberhält und nicht weiter auffällt, dann passiert es einem so, das Leben, man muß da keine Verrenkungen machen. Ich lebe alleine, weil das auch so passiert ist. Ich arbeite irgend etwas, danach gehe ich nach Hause, mache mir tiefgekühlte Sachen warm, esse die im Bett, schaue fern, schlafe, und am nächsten Morgen geht alles von vorne los. Ich mache die meisten Dinge, weil alle sie so machen. Alle wohnen und arbeiten, falls sie nicht arbeitslos sind, alle essen was und haben Schlafprobleme, besonders in meinem Alter, weil sie Angst haben, nicht wieder aufzuwachen. Aber das würde der dicke Mann überhaupt nicht wissen wollen. Er wäre auch bereits nach einer Minute verschwunden. Denn so ist das heute: Keiner hört mehr wem zu. Da kann man noch so interessante Sachen erzählen.
2 Es ist Sonntag. Die Heldin denkt über die Weltlage nach, dazu läuft der Fernseher, und es regnet
Es ginge durchaus noch unerfreulicher: An einem Sonntag zum Beispiel. Im Herbst zum Beispiel, im Sommer oder egal wie das Zeug heißt, denn Jahreszeiten sind uninteressant geworden, nicht zu unterscheiden, seit die Welt begonnen hat, sich in einer Geschwindigkeit aufzulösen, mit der keiner gerechnet hat.
O-TON WELT Damit habe ich irgendwie nicht gerechnet!
Die wenigen, die sich für etwas außerhalb ihrer selbst interessieren, wissen, daß sich die Anzeichen für den Untergang häufen. Aber sie denken auch: Jede Zeit ist den Menschen vermutlich als die furchtbarste erschienen.
O-TON MELCHIOR UND MICHELANGELO Findest du unsere Zeit nicht auch verkommen, Michel? Ja, Melchi, ich glaube, die Welt hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Inquisition und die Pest, Frauen brennen auf Scheiterhaufen, ich glaub, das geht nicht mehr lange.
Wollen wir uns mal nicht so wichtig nehmen. Denken die Pessimisten, die eigentlich Realisten sind, weil sie erkannt haben, daß es keine andere Spezies gibt, die so habgierig, boshaft, verkommen und neurotisch ist wie der Mensch. Und trinken einen Kaffee, einen Schnaps. Was sollen sie sonst auch trinken? Oder tun? Es ist:
Zu spät für Lösungen.
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