Und ich dachte es sei Liebe - Abschiedsbriefe von Frauen.

Sibylle Berg
Von Abschiedsbriefen und der Liebe


Natürlich habe ich Abschiedsbriefe geschrieben. Ob auch abgesandt, das weiß ich nicht mehr zu sagen. Ich er¬innere mich nur an während unendlichen Sonntagen im November aufgeschriebenen Weltschmerz - Leonard Cohens Famous Blue Raincoat auf Dauerwiederholung. Winter und leere Straßen, am Rande ein kaltes Hotel in der Nacht, drei Zimmer erleuchtet, wie müsste es sein, von dir verlassen, in diesem Hotel, in der Nacht, in Amerika. Wir fuhren, wir liefen gegen Wind. Fremd, deine Hände auf dem Steuer in dieser verdammten Nacht in Amerika.
Wir wussten nichts zu sagen, am Morgen warst du nicht mehr da. Kalte Luft im Zimmer, in einem Hotel in Amerika. Vielleicht würde jemand von draußen das erleuchtete Fenster sehen, sagen, stell dir vor, Liebste, du hättest mich verlassen, und ich läge jetzt dort, alleine.

Unangenehm, so etwas wiederzufinden, Jahre später. Ohne den dazugehörigen Schmerz wird Liebeskummer so austauschbar wie die Herren, an deren Gesichter ich mich heute nicht einmal mehr erinnere. Selten trauern wir um Männer. Was uns so leiden macht, zornig und kalt, sind gestorbene Träume.


Immer wirst du einsam sein, bis zum Ende, und nie wird ein anderer etwas daran ändern - erkennt man im Schmerz, um es später wieder zu vergessen. Wenn man läuft zu zweit, wie eines, sich ständig berührt und so leicht ist, dass man sich auflöst und in den Himmel fliegt. Aber das endet, aus dem Himmel zurück auf dem Boden, mit der Angst und dem Wissen darum, allein im Körper, umgeben von all den merkwürdigen Gefühlen, definitiv unverstanden zu sein - selbst von sich selbst.
Die Einsamkeit beginnt, wo wir anfangen und nicht mehr ein Teil unserer Mutter sind. Kindheit heilst die Zeit, da Hirn und Gefühl sich nicht recht verständigen. Die finden vielleicht in der Pubertät wieder zusammen. In der Zeit, in der die meisten die erste Liebe erleben. Die die romantischste in unserem Leben ist, weil sie nur aus Illusionen besteht. Die nichts will außer Auflösung. Ein Mädchen, ein Junge, egal, und wir wollten ihn/sie und wussten gar nicht, was wir mit ihm/ihr wollten außer: nie mehr alleine sein. Standen an offenen Fens¬tern, draußen Frühling und an den Wänden Pferde¬poster, und was wir über Liebe wussten, das ging so: mit ihm auf einer Insel sein und ansehen, Tag und Nacht, und die kleinen Härchen am Arm berühren. Tag und Nacht. So ein Traum wie damals, als wir noch nicht wussten, was Liebe ist, wird Liebe nie mehr. Nie mehr werden wir so unendlich sein. Die erste Liebe zerbricht, und der erste Liebeskummer kommt. Ach, wären wir doch gestorben, damals. Wir hätten uns die Wiederholungen erspart.


Wir haben unsere Unschuld verloren und statt ihrer Ideen entwickelt, wie Liebe sein müsste, die richtige Liebe. Denken wir, es muss sein wie fliegen und sich die Sachen vom Leib reißen und sich nie mehr trennen und nicht mehr essen und nicht mehr schlafen und nachts tanzen im Regen und tausend Kilometer fahren nur für einen Kuss, der nie endet. Das ist die Idee, und sie meint: Eigentlich wollen wir zurück zu der Zeit, als wir eins mit der Mutter waren. Bedingungslosigkeit wollen wir, danach suchen wir und werden immer enttäuscht werden. Denn so ist es nie.
Das merken wir alle zwei Jahre, wenn wieder ein Traum zerbricht. Der Schmerz wird weniger. Wir vertragen ihn nur kaum noch, weil wir doch nicht wissen, wie es gehen soll, weil wir ahnen, dass etwas falsch ist. Und immer bleiben wir allein zurück, die wir altern, und unsere Knochen werden porös, und unsere Seele ist es schon, überzogen mit vielen Sprüngen. Wir sind nicht mehr jung und noch nicht alt - die furchtbarste Zeit im Leben, weil sie voller Sehnsucht nach einem Wunder ist, und das wird - ziemlich sicher - nicht eintreten. Eigentlich hätten wir mit unserer ersten Liebe zusammenbleiben können.

Die hundert Wiederholungen auslassen. Sex ist nur Sex - kann man lernen, feuchte Geschichte, ist doch egal -, und Freundschaft wird mit der Zeit erst gut. Was suchen wir, ach ja, die große Liebe suchen wir. Immer schneller trennen wir uns, verlassen, werden verlassen. Leiden wird zur Routine und fast cool, weil: da geht was, da hat man etwas zu erzählen, da wird man bedauert und nimmt ein paar Kilo ab. Und alle reden von Lebensabschnittsgefährten und misstrauen der Unendlichkeit und nörgeln und sind unzufrieden, wenn sie einen haben zum Liebhaben. Der kann's doch nicht gewesen sein. Überall können wir etwas Größeres und Besseres haben, überall werden uns Träume versprochen. Neue Partner kann man kaufen an jeder Ecke. Überall sehen wir Liebe und Sex und Werbung und Filme und Models, und alle sehen toll aus und sind verfügbar. Warum dann an etwas hängenbleiben, das den Glanz ver¬loren hat? Kaum mehr einer schaut in den Spiegel und sieht sich, wie er ist. Wenn Naomi uns ihre Brüste zeigt, dann kann man doch Naomi haben.
Immer kürzer wird die Halbwertszeit von dem, was wir als Liebe bezeichnen, weil wir nicht wissen, wie man den Dreck sonst nennen soll. Hatte die Generation vor uns das Problem, vor lauter Analyse und Selbstfindung zu egoistischen kleinen Arschlöchern geworden zu sein, kranken wir heute daran, nichts mehr zu sein. Keiner ist mehr etwas, keiner ist mehr besonders. Falsch verstan¬dene Demokratie hat uns alle gleich gemacht, alle ohne Eigenschaften und mit der Sucht nach mehr.
Immer weniger wollen wir uns anstrengen. Das muss passen, sofort, und gut sein. Wenn wir es mit uns selber schon nicht gut haben, dann muss doch der Partner dafür sorgen. Macht er nicht, denn der Partner will Brad Pitt, und schon ist er weg.
Liebe ist: einen außer sich zu ertragen, sich mit einem anderen zu ertragen. Doch bis wir erkennen, was Liebe wirklich ist, sind wir meist schon tot. Schade.



 


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