(Roman), Kiepenheuer & Witsch
AnnaHabe ich schon erzählt, dass es immer kalt ist?Es ist eigentlich immer kalt. Vielleicht gab es auch mal einen Sommer, aber wenn, dann habe ich den vergessen. Ich glaube, man erinnert sich eher an unangenehme Dinge. Der Trick ist, dass sie viel stärkere Gefühle herstellen. Das kann man beweisen. Nehmen wir mal eine schöne Situation, zum Beispiel so etwas wie: ein netter Sommertag, man läuft irgendwo in einem Hasenkostüm rum und beobachtet kleine Tiere. Normal, das mache ich dauernd. Also gut, ich gebe zu, mir fällt nichts Nettes ein. Dann erzähle ich eben von etwas Furchtbarem: von der ungeheizten Wohnung, den Leuten in der Stadt, den Außerirdischen in meiner Klasse, dem Land, in dem ich lebe, dass ich ziemlich daneben aussehe und dass ich mit keinem reden kann. Na, und so weiter.Negative Erinnerungen habe ich ohne Ende, Die liegen in der Magengegend, und ich werde keine je vergessen. Aber vermutlich ist das Quatsch, denn wenn ich jetzt anfinge, nie etwas zu vergessen, würde ich in 30 Jahren nur noch aus Erinnerungen bestehen, und nichts sonst hätte Platz in meinem Kopf. Ob- wohl ich glaube, dass es bei manchen Älteren genau so läuft. Sie erzählen immer nur von damals, und ich weiß wirklich nicht, warum sie so sicher sein können, ihre Erinnerungen wirklich erlebt zu haben. Vielleicht wurden die ihnen irgendwann transplantiert, in einem Raumschiff. Außerirdischer A: "ensaqf.q-vclamq." (Das heißt so viel wie: Schau nur, unansehnliche Ostdeutsche, denen transplantieren wir jetzt ein paar Erinnerungen.) Außerirdischer B: "fjhediqigheuijsabnb." (Genau, das machen wir.)Außerirdische sind bekanntlich immer ein Thema. Ich glaube, ich heiße Anna, weil solche altmodischen Namen, genau wie Außerirdische, immer ein Thema sind. Es hätte auch schlimmer kommen können. Sehr viele in meiner Klasse heißen Peggy, Mandy oder Francise - auf Thüringisch klingt das dann wie: Fränzieeehse ... Das tut weh. Thüringen ist das Gebiet, in dem sich die Stadt befindet, in der ich wohne. Die Leute hier sprechen einen Dialekt, der immer nach Kartoffeln klingt. Die Eltern in Thüringen, überhaupt im Osten, haben so eine Sehnsucht nach der großen weiten Welt, und die Kinder müssen das dann ausbaden mit ihren prima ausländischen Namen. Ich werde bald 14. Na ja, es ist noch ein bisschen hin. Fast ein Jahr, um genau zu sein. Ich weiß nicht, ob ich wie eine normale fast Vierzehnjährige bin. Ich fühle mich nicht mehr als Kind, aber da wage ich mich auf unsicheres Gebiet, denn als ich jünger war, hab ich über solche Sachen einfach noch nicht nachgedacht, und nun fehlt mir der Vergleich zu dem, wie ich mich früher gefühlt habe.Jetzt kann ich mir nicht mehr folgen. Das geht mir oft so. Ich denke so vor mich hin, und irgendwann werden meine Gedanken zu kompliziert für mich. Jedenfalls, die Stadt, in der ich wohne, ist eine Kleinstadt. Sagt man. Ich meine, ich wäre da nicht drauf gekommen. Du wächst ja nicht auf und denkst: Na, aber hallo, ist das eine kleine Kleinstadt.An verbürgten Großstädten kenne ich nur Berlin. Sehr große Sache das, Berlin. So viel zur Einleitung. Die aktuelle Lage sieht so aus:Ich stehe in meinem Zimmer am Fenster und schaue auf eine Hauptstraße, über die ab und zu ein Trabant oder ein Wartburg fährt. Die machen dumpfe, einsame Geräusche und Wolken in der Kälte. Es gibt eigentlich nur diese beiden Sorten Autos, ab und an noch mal ein Skoda oder ein Wolga, damit hat sich's. Autos kauft man nicht einfach im Laden. Man muss sich anmelden, und mit Glück bekommt man zehn Jahre später eines. Das hat zur Folge, dass der Verkehr auf der Straße relativ überschaubar ist. Alle drei bis fünf Minuten kommt ein PKW.Am Rande der Straße stehen Mülltonnen, die im Winter immer vor sich hinkokeln, weil die Menschen glühende Asche (die bleibt übrig, wenn man Kohle und Holz verbrennt. Ich schreib das nur, falls meine Aufzeichnungen erst nach meinem Tod von einer anderen Generation gefunden werden) in die Tonnen schmeißen, und das andere Zeug fängt dann an zu brennen. Über der Stadt hängt deshalb im Winter immer eine Schicht aus Abgasen, und eben nicht von den paar Autos, sondern von den Fabriken und Mülltonnen wölken. Hätte man eine gut geheizte Wohnung, aus der man auf die Stadt schau-en würde, sähe das vielleicht sogar romantisch aus. Aber warme Wohnung ist nicht.Ich glaube, so kalt wie hier ist es nirgends sonst auf der Welt. Obwohl ich zugeben muss: Ich hab nicht viel Ahnung vom Rest der Welt. Nur Ideen, aber dazu später. In meinem Zimmer ist es so kalt, dass sich beim Ausatmen Wolken bilden. Nicht Wölkchen! Alles klar? Es gibt einen kleinen eisernen Ofen, aber dummerweise hat meine Mutter vergessen, Kohlen zu bestellen, darum bleibt der kleine Ofen kalt. Ab und zu verbrenne ich Zeug von der Straße, Holz und was man so findet. Dann glüht der Ofen für eine halbe Stunde, und ein paar Minuten später scheint alles noch kälter als zuvor. Die Wohnung geht so: ein Raum mit einem Kleiderschrank und Gerumpel, ein Fenster zum Hof, und der Raum ist nicht nur kalt, sondern auch dunkel und feucht. Ganz unter uns: Ich glaube, dass in diesem Raum Geister leben, also sofern Geister leben. Sie wohnen im Schrank und bestehen aus einer verstorbenen Arbeiter- und Bauernfamilie. Ich rede manchmal mit ihnen: Na, erzählt mal, wie es so war, als ihr die DDR mit euren Händen aufgebaut habt. Und sie dann: Ja, wir haben den antiimperialistischen Schutzwall gebaut, um unser Volk und die Errungenschaften des Sozialismus zu schützen. Ist klar, sag ich und verziehe mich wieder. Mit so Leuten kannst du dich echt nicht unterhalten.Vom Flur, der nach der eiskalten Plumpstoilette (wenigstens unserer eigenen) riecht, geht das Zimmer meiner Mutter ab. Selbstverständlich ist es auch kalt, mit einem feinen Rauchgeruch, meine Mutter raucht am Tag so 2-3 Pakete Zigaretten. Versteh einer die Erwachsenen.In der Küche steht eine Badewanne. Wer Lust auf ein Bad in eiskaltem Wasser hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Für die Badewanne hat es eine Art Boiler, den man beheizen muss, doch da tritt wieder das Problem mit den nicht vorhandenen Kohlen zutage.
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