
Die Fahrt
(Roman), Kiepenheuer & Witsch
Gunner Gustafson
Reykjavik
Es war die Jahreszeit, da es nur 4 Stunden ein schwaches Licht gab, in Island. Seit Tagen wehte ein propperer Wind, der pfiff und heulte, der machte die Häuser klappern und die Stille noch klarer, die in Gunners Haus herrschte. So eine Stille,die sich wie etwas gefrorenes anfühlte, und die jede Bewegung so langsam werden lies, das man nicht anders konnte, als sich von aussen zu beobachten.
Seit 2 Tagen lag Gunner’s Frau im Wohnzimmer, auf dem Bett, unbeweglich, was außer Gunner niemanden wunderte, denn Gunners Frau war tot.
Er vermochte nicht zu verstehen, warum Gabriella aussah wie immer, nun vielleicht nicht wie immer, sondern wie an einem besonders schlechtem Tag mit Grippe, schlafend, ein wenig klamm vielleicht und warum sie nicht zurückkam. Das verstand er nicht.
Gabriella war immer zurückgekommen. Sie war leicht zu erzürnen und liebte es, mit Gegenstände zu werfen, aus dem Haus zu rennen, Tagelang zu verschwinden, aber sie war immer zurückgekehrt.
Warum sollte es diesmal anders sein, zumal sie vor ihm lag und er sie anfassen konnte. Doch soviel Gunner auch mit ihr redete, sie schüttelte, sich neben sie legte, weder kehrten die Wärme noch ihr Geist in sie und zu ihm zurück. Es war nicht zu verstehen, was einen Menschen zum schlagen, zum ticken, zum laufen und reden brachte, und welchen Stecker man gezogen haben musste, damit das alles in sich zusammenfiel, und er zu etwas wie ein Möbel wurde.
Gunner saß neben Gabriella, und es kamen keine Trauergäste mehr. Hunderte ihrer beiden Familien waren in den Tagen da Gabriella hier lag, im Wohnzimmer, durch sein Haus gelaufen,hatten sich betrunken, geweint, geredet, und waren wieder verschwunden.
Nur Gunner hatte die gesamte Zeit schweigend in einer Ecke gesessen, und versucht Haltung zu bewahren. Und nicht zu schreien,. alle aus dem Haus zu werfen- was starrten sie seine schlafende Frau an, was hatten sie hier zu suchen, was hatten sie sie anzufassen.
Gunner hatte nicht geschrieen, er hatte zu Boden gesehen, und rückwärts gezählt, das half mithin.
Die Beherrschung verlor er erst, als am 3 Tag die Bestatter kamen, und seine Frau abholen wollten. Wohin abholen, warum, wenn sie schon nicht mehr mit ihm redete, konnte sie zumindest hier liegen bleiben. Es war immer noch besser, mit einer schweigenden Gabriella zu reden, als mit gar keiner. Die Bestatter hatten sich durchgesetzt, vermutlich kannten sie Szenen wie die, des am Boden liegenden schreienden Gunners sie hatten Gabriella aus dem Haus getragen, die Tür hatten sie offen gelassen.
Es war kalt und Nacht geworden, Gunner lag unverändert auf dem Boden, und wusste nicht, was er als nächstes machen sollte, denn er war am nächsten nicht interessiert. Wie konnte einer einfach wieder von vorne beginnen, mit Frühstück und Morgenzeitung, nachdem er 30 Jahre einen anderen Menschen neben sich gewusst hatte, einen, der nie egal geworden war, mit dem er 30 Jahre dicht beieinander und sich an der Hand haltend eingeschlafen war. Sie hatten sich immer an den Händen gehalten, von Kind an, und die Angewohnheit nie aufgegeben.Beider Hände hatten gefroren, wenn sie einander nicht hielten.
Gunner war sehr viel länger in seinem Leben mit Gabriella zusammen gewesen, als mit sich oder seinen Eltern. Er hatte keine Ahnung warum er alleine weiter machen sollte. Das Leben warm doch nur durch einen angenehmen Menschen zu ertragen. Mit dem man lachen konnte,über den ganzen Mist, über andere Leute, die noch nicht gemerkt hatte, das alles eine große alberne Komödie war.
Menschen die ihre Mitte finden wollten, sich selbst verwirklichen, Karriere machen, Besitz anhäufen. Wie albern das war, wie rührend.
Und wie verloren Gunner, mit sich.
Die Tür immer noch auf, der kalte, nasse Wind in der Wohnung, und Gunner war klar, das dieses Haus ihnen kein Glück gebracht hatte. Sie wohnten seit 5 Jahren hier, weil Gabriella so gerne ein Holzhaus wollte, mit einem Garten. Was willst du mit einem Garten, hatte Gunner sie gefragt, es regnet die meiste Zeit und wenn es nicht regnet, ist es kalt. Aber Gabriella wollte Erde, einen Baum, und sie wollte morgens barfuß in diesen Garten laufen. Das hatte sie dann getan, nachdem er ihr das Haus gekauft hatte, und er vermutete nun, das dieses barfussgelaufe Schuld war, am Krebs und ihrem langsamen sterben über 5 Jahre.
Gunner überlegte sich, das Haus anzuzünden. Doch das schien ihm eine zu geringe, zu gnädige Strafe. Er würde einfach gehen, die Tür offen lassen, das Haus würde sehr langsam, sterben, wie Gabriella.
Frank
Berlin
Irgendwann war es nicht mehr unangenehm gewesen, abends zu wissen, was am nächsten Tag geschehen würde, vielmehr schätzte Frank die Gleichförmigkeit seines Daseins. Manchmal erinnerte er sich, als hätte er vor langem einen schlechten Film gesehen, an früher und die fröstelnde Anstrengungen sein Leben aktiv zu gestalten.
Dieses erniedrigende Gefühl, einen sonnigen Tag nicht zu Hause verbringen zu dürfen, weil eventuell draußen etwas hätte passieren können. Sich mit Tausenden an wenigen Grünplätzen versammeln zu müssen, die die Abwesenheit von Natur sehr viel deutlicher machten.An den ockerfarbenen Mehrfamilienhäuser die weitgehend alles Behagliche in der Stadt vertrieben hatten,vorbei, des Nachts unsicher in Bars zu stehen, voller Angst, das einer ihn ansprechen könnte, was natürlich nicht passierte.
Frank wohnte in Berlin, und da spricht keiner einen an, wenn es nicht darum geht, ihn auszurauben,und selbst dann begnügt man sich mit den notwendigsten.
Es war nie etwas außerordentliches geschehen, in den Jahren der Unruhe. Keines der Versprechen, die das Leben ihm scheinbar gegeben hatte, war eingelöst worden. Die Menschen die er in Bars kennenlernte, verloren unter Tags ihren Reiz. Doch meist waren sie einfach nur verschwunden, irgendwo in dieser großen Stadt. Frank konnte heute verstehen, das andere Berlin unattraktiv fanden, denn es war definitiv eine äußerst hässliche Angelegenheit. Keiner hätte geglaubt das dieser Klumpen eingezäunten Drecks wirklich einmal etwas wie eine Metropole werden könnte. Nun war es eine, mit all den dazugehörigen Luxusläden, Kiezen, Paralellwelten, die sich nicht berührten. Es gab ein paar ästhetisch ansprechende Orte, doch hielten die sich immer soweit entfernt von einem selbst auf, das man sie nie aufsuchte. Das macht man doch nicht, mal eben, eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln um ein letztes Bier zu trinken.
So grenzten die Menschen mit zunehmenden Alter ihren Radius ein, gewöhnten sich an die Kneipen, Läden, Grünflecken in ihren Vierteln, die nicht größer waren als ein Dorf. Vermutlich sind Menschen von jeder Ansiedlung, die die Größe einer Kleinstadt überschreitet,überfordert.
Man kannte die Idioten im Viertel, wurde alt mit denen, die immer noch davon sprachen alles zu ändern,doch wer bis anhin nicht weg war, wusste Frank, würde es wohl nie sein. Franks ehemaliger Freund Peter,mit dem er versucht hatte eine Band zu gründen, das aufgegeben hatte um sich damit zu begnügen, in Bars zu stehen, und darüber zu reden eine Band zu gründen, war durch die halbe Welt gefahren, immer unglücklich. Nie stimmten die Orte mit den Bildern in seinem Kopf überein.Schweine.Momentan war er aus irgendwelchen Gründen in Sri Lanka, auch nicht froh.
Pia, die Franks Nachbarin war, mit der er manchmal angenehm schweigend auf dem Balkon gesessen hatte, um gemeinsam zu bedauern, das sie alleine waren, hielt sich gerade in Myanmar auf und wollte dann weiter nach London. Helena,die dicke esotherische Frau, die Frank immer traf, wenn er niemanden treffen wollte, morgens beim Zeitung holen,abends im Wunsch unbemerkt nach Hause zu gelangen, und die ihm immer von ihren neusten spirituellen Erlebnissen erzählen musste, war in Manaus, das war wohl aber nichts. Miki aus Tel Aviv, die lange als Bedienung um die Ecke gearbeitet hatte, lebte jetzt in Los Angeles und machte irgendwas beim Film.
Wahrscheinlich kellnerte sie.
Mit allen traf Frank sich im Internet und versprach ihnen, sie zu besuchen. Das vergaß er dann jeweils wieder, weil er dringend mit einem anderen Freund irgendwo auf der Welt reden musste, der in einer Krise steckte, weil irgendwas mit einem Visa, einer absoluten Wohnung, Papieren oder einem Business nicht geklappt hatte.
Frank hatte wenige ältere Bekannte, die, wie er, in der Stadt geblieben waren, weil sie sich daran gewöhnt hatten, oder wussten, das wohnen egal wurde, mit fortschreitendem Alter. Wusste man, das es überall irgendwie aussah, und es schwierig war, neu zu beginnen, mit über 40. Was sollte ein unglamouröser Mensch wie er, durch eine Großstadt laufen, da sich keiner für ihn interessierte? Es wäre Frank nie eingefallen Berlin als seine Heimat zu bezeichnen.
Eine Heimat hatte Frank doch nie gehabt.